»Candide oder der Optimismus« entstand Ende 1758. Im
März 1759 wurde das Buch in Genf öffentlich verbrannt,
in Paris belegte man es mit einem Verbot. Der Vatikan setzte es
1762 auf den Index.
Das Buch fällt in die Zeit, in der Voltaire den Satz Écrasez
l'infâme« prägte, und zu einem unerschrockenen
Kämpfer für Toleranz und Aufklärung wurde.
»Das 18. Jahrhundert heißt zuweilen "das Jahrhundert
Voltaires". Genau besehen, trifft die Bezeichnung nicht zu,
weil sie die emotionalen und vorromantischen Kräfte der Epoche
unterschlägt. Aber sie ist die Folge der Autorität,
die Voltaire ausgeübt hat. Nicht alle, aber die meisten Züge
der französischen Aufklärung sind in ihm aufs reinste
verkörpert. Analytisches Denken in scharfer begrifflicher
Fassung, Mut zur Einfachheit, Mißtrauen gegen ungeprüfte
Herkömmlichkeiten, ein aus der Selbstsicherheit der Vernunft
geborener Witz, Abneigung gegen Metaphysik und Systemstrenge,
Heiterkeit als Ausweis der Wahrheit und Freiheit, kühle Grazie,
Höflichkeit, Behendigkeit, Unlust zu erdhaften oder dichterischen
Urgewalten: diese Züge des Zeitalters sind auch die seinen.
Die sehr französische Gleichsetzung von Wahrheit und Klarheit
ist zwar nicht sein Werk, aber seine konsequenteste Leitidee und
zusammen mit dem Prestissimo seines Stils seine hervorstehendste
Eigenschaft. Es ist üblich und auch gewiß richtig,
ihm Tiefe und Gemüt abzusprechen. Aber müssen Gemüt
und Tiefe unbedingt die Voraussetzungen des großen Schriftstellers
sein, wenn andere da sind, wie die Unbestechlichkeit der Vernunft,
die Fechtkunst des Witzes, die geistreiche Eleganz und die Gabe,
alles Schwere und Schwierige des gegnerischen wie des eigenen
Denkens in ein Spiel zu verwandeln, und sei es selbst in ein teuflisches?«
Hugo Friedrich